Galerie Poll Berlin
Ausstellungen
Peer Boehm. Was ich eigentlich tun will
30. Oktober 2026 – 9. Januar 2027, Eröffnung: 29. Oktober, 17-20 Uhr
Kindheitserlebnisse, Reiseerfahrungen, politische Ereignisse – all das speichert unser Gedächtnis gleichermaßen. Aus flüchtigen Eindrücken und vagen Momentaufnahmen wächst ungeordnet ein Bilderreservoir, das wir alle teilen und das doch in jedem anders verankert ist. Aus diesem unüberschaubaren Fundus schöpft Peer Boehm die Motive seiner Leinwand- und Papierarbeiten. Mit oft widersinnigen, nie ganz eindeutigen Titeln stößt er beim Betrachter Assoziationsketten an.
Seine dritte Einzelausstellung in der Galerie Poll versammelt überwiegend Arbeiten aus den Jahren 2025 und 2026: Szenen aus der Schulzeit („Die Neue“, „Der Film fängt gleich an“, „Erste Stunde Textiles gestalten“), von ersten Begegnungen mit dem anderen Geschlecht („Ich will lieber nicht“) und aus den Sommerferien am vollen Strand („Im Auto war es warm und bequem“). Hinzu kommt „Berlin 1989“, ein Bild von 2007, das den Mauerfall als Wendepunkt der Zeitgeschichte in den Blick nimmt.
Für seine Papierarbeiten wählt Boehm bereits bedruckte Untergründe wie historische Seekarten oder altes Briefpapier. Darauf zeichnet er, meist mit Kugelschreiber, und setzt das Vorgefundene in Beziehung zum Gezeichneten. Die großformatige Zeichnung „Was willst Du mit Deinem Anteil machen?“ zeigt einen Jungen, der auf einem Floß über eine Seekarte treibt. Motiv, Papier und Titel lassen an eine Schatzsuche denken – eine einzige „richtige“ Lesart aber gibt es bei Boehm nie. Fortgesetzt hat er auch seine Reihe auf dem Briefpapier des k.o. club, eines 1969 in Hannover gegründeten Vereins für Avantgarde-Film: Er hat weitere Filmszenen aufgespürt, die auf den Absender Bezug nehmen.
Fündig wird Boehm in Fotoalben vom Flohmarkt, in Illustrierten oder im Internet. Personen und Orte abstrahiert er am Computer und reduziert die Vorlage auf Hell-Dunkel-Kontraste, bis sie kaum noch zu erkennen ist. Dann überträgt er sie auf Leinwand oder Papier und arbeitet sie dort weiter aus. Für die Leinwände hat er eine eigene Lasurtechnik mit Aquarell, Acryl und Tusche entwickelt. Mitunter dienen auch Kaffee oder Rost als Malmittel, und ihr bräunlicher Ton lässt die Bilder wie verblichene Fotografien erscheinen. Boehms Bildsprache beruht auf dem Prinzip der Aussparung: Helle und dunkle Flächen verschwimmen ineinander. So wirken die Arbeiten zunächst schemenhaft und treten erst bei längerem Hinsehen hervor wie aus dem Unterbewusstsein – als ganz persönliche Erinnerungen.
Peer Boehm, 1968 geboren in Köln, studierte von 1990 bis 1994 Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik an der Universität zu Köln. 2021 wurde er mit dem Kunstpreis Wesseling ausgezeichnet, der 2023 mit einer Ausstellung im gleichnamigen Kunstverein verbunden war. 2022 waren seine Arbeiten im Willy-Brandt-Haus in Berlin ausgestellt, 2024 fand eine große Übersichtsausstellung mit Werken aus 17 Jahren im Museum Modern Art Hünfeld statt. Arbeiten des Künstlers befinden sich in zahlreichen deutschen und internationalen Privatsammlungen. Peer Boehm lebt und arbeitet in Köln, wo er von der Galerie Anja Knoess vertreten wird.