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Ausstellungen

Chercher la vérité
Martina Altschäfer, Matthias Beckmann, Peer Boehm, ORLANDO
Zeichnungen und Druckgraphik
17. Juni – 30. Juli 2022, Eröffnung: 16. Juni, 18-21 Uhr
im August Besuch nach Terminvereinbarung möglich

„Zeichnungen sind Aufzeichnungen, Notizen, wie Tagebucheintragungen nicht auf Perfektion in der einzelnen Bemerkung angelegt, sondern auf Fortsetzung, Weiterarbeit, als Übung der Aufmerksamkeit und Schärfung der Wahrnehmung zum Begriff.“ Hannes Böhringer

Mit Blick auf „Aufmerksamkeit“ und „Wahrnehmung“ stellt die Galerie Poll regelmäßig zeitgenössische Positionen der Zeichen­- und Druckkunst vor. Die Ausstellung „Chercher la vérité“ bringt Zeichnungen und Graphiken von vier Künstlerinnen und Künstlern der Galerie zusammen, die in Böhringers Sinn an den Themen Erinnerung, Reisen, Natur oder Literatur „weiterarbeiten“.

In jüngster Zeit war das Reisen durch die Corona-Pandemie nur eingeschränkt möglich. Martina Altschäfer hat sich deshalb mit 80 Zeichnungen kurzerhand auf eine Reise um die Welt begeben. Als Stationen wählte die Künstlerin Orte aus, an denen sich etwas Beson­deres zugetragen hat oder herausragende Architektur im Mittelpunkt steht. Auf klein­formatigen Kartons hat sie u. a. den Brand in der gotischen Kathedrale Notre-Dame in Paris, die Sprengung von Trump Plaza in Atlantic City, die Testrennstrecke auf dem Dach der Fiat-Fabrik im Turiner Stadtteil Lingotto oder die Brücke über die tiefe Schlucht der andalusischen Stadt Ronda mit Graphitstiften gezeichnet.

In streng linearen Zeichnungen nimmt Matthias Beckmann alles Individuelle, Hand­schrift­liche zurück. Der Künstler spielt stattdessen mit formalen Gestaltungs­mitteln. Virtuos wechselt er die Perspektive, springt zwischen Totale und Detail hin und her und umkreist seine Bildgegenstände in einer Art Kamerafahrt. 2019 und 2020 ist Beckmann durch Berlin gelaufen, um nach Motiven zur Illustration von Walter Benjamins „Passagen-Werk“ Aus­schau zu halten. 30 davon sind in der Ausstellung zu sehen.

Peer Boehms zentrales Thema ist das Erinnern. Erlebnisse in der Kindheit, Reiseerfahrungen oder politische Ereignisse speichert unser Gedächtnis gleichermaßen als ungeordnete, oft schemenhafte Eindrücke. Dieses kollektive, individuell jedoch ganz unterschiedlich veranker­te Bilderreservoir ruft der Künstler in seinen Kugelschreiberzeichnungen und Aquarellen auf. Grundlage sind fotografische Fundstücke aus Alben, Magazinen oder dem Internet. Diese Motive werden stark reduziert und auf bedruckten Papieren wie Seekarten, Kontobuch­sei­ten oder Briefbögen aufgetragen. Boehms Bildsprache beruht auf dem Prinzip der Ausspa­rung, helle und dunkle Flächen werden nebeneinandergestellt.

ORLANDO beobachtet während ihrer Spaziergänge und auf tagelangen Wanderungen die Natur. Sensibel nimmt sie verschiedene Stimmungen und Lichtverhältnisse wahr und bannt die Bewegungen von Wogen und Wolken sowie Licht und Schatten Zustand um Zustand auf Druckplatte und Papier. Martina Altschäfer und Matthias Beckmann haben sich der Zeichnung verschrieben, ORLANDO spezialisiert sich in ihrem künstlerischen Schaffen auf druckgraphische Techniken, zeichnet ihre Motive aber auch mit scheinbar unendlich vielen nebeneinander gesetzten kurzen Kugelschreiberstrichen. In der Ausstellung zeigt sie die Linolschnitte „Schwere See I-IV“ und die tiefschwarze Mezzotinto-Radierung „Harzwald II“ sowie die Kugelschreiberzeichnung „Wogen V“.

Martina Altschäfer, 1960 geboren in Rüsselsheim, schloss ihr Studium an der Kunstakademie Düsseldorf 1991 als Meisterschülerin von Prof. Konrad Klapheck ab. Sie hat zahlreiche Stipendien erhalten und wurde mehr­fach mit Preisen ausgezeichnet. Arbeiten der Künstlerin befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen, u. a. in den Sammlungen der Deutschen Bank, des Kunstmuseums Albstadt und des Landesmuseums Mainz. Sie lebt als Zeichnerin und Schriftstellerin in Rüsselsheim.

Matthias Beckmann, 1965 geboren in Arnsberg, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Franz Eggenschwiler und an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Prof. Rudolf Schoofs. Seit 1995 ist er Mitglied der Künstlergruppe „Die Weissenhofer“. Die Zeichnung bildet den Schwerpunkt der Arbeit des in Berlin lebenden Künstlers. Dabei ist die einzelne Zeichnung zumeist Teil einer umfangreichen Serie, die sich mit einem Ort oder Themenkomplex beschäftigt. Mehrfach hat Matthias Beckmann Bücher illustriert. Er erhielt zahlreiche Stipendien und Preise. Seine Arbeiten befinden sich in vielen deutschen Museums­­samm­lungen.

Peer Boehm, 1968 geboren in Köln, studierte von 1990 bis 1994 Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik an der Universität zu Köln. Im Jahr 1997 war er Mitbegründer der Produzenten­galerie „Kunstgewinn“ und 1999 der Künstlergruppe „itinerarti” in Köln. 2006 rief er die Künstlergruppe „Die Kunstkreditkarte – Was Schönes für unterwegs“ ins Leben. Peer Boehms Arbeiten befinden sich in internationalen Privat­sammlun­gen. Er lebt und arbeitet in Köln.

ORLANDO, 1984 geboren in Quedlinburg, schloss ihr Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden 2013 als Meisterschülerin von Prof. Peter Bömmels ab. Sie wurde mit mehreren Stipendien und Preisen ausgezeichnet, darunter der 1. Preis im Druckgrafik-Wettbewerb der Leipziger Buchmesse 2014. Werke befinden sich u. a. in den Kupferstichka­binetten der Staatlichen Museen zu Berlin und der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. ORLANDO lebt und arbeitet in Berlin.