{"id":1601,"date":"2025-08-03T19:58:57","date_gmt":"2025-08-03T17:58:57","guid":{"rendered":"https:\/\/poll-berlin.de\/Stiftung\/ausstellung\/eckehard-fuchs\/"},"modified":"2025-11-30T21:13:26","modified_gmt":"2025-11-30T20:13:26","slug":"eckehard-fuchs","status":"publish","type":"ausstellung","link":"https:\/\/poll-berlin.de\/Stiftung\/ausstellung\/eckehard-fuchs\/","title":{"rendered":"Eckehard Fuchs"},"content":{"rendered":"<p>\u201cIch versuche, meinen Nachbildern auf die Spur zu kommen\u201d. Mit diesen Worten destilliert Eckehard Fuchs seine malerischen und zeichnerischen Strategien.<\/p>\n<p>Nachbilder sind Ph\u00e4nomene, die von der Physiologie genauso wie von der Wahrnehmungspsychologie f\u00fcr sich reklamiert werden. Visuelle Eindr\u00fccke wirken nach dem Sinnesreiz als retinale Projektionen fort und in Eckehard Fuchs\u2019 Lesart trifft dies gleicherma\u00dfen auf emotionale Eindr\u00fccke und deren Nachwirken zu. Der Abstraktionsgrad von optischen Nachbildern spiegelt sich in den vereinfachten, oft harten Konturen von Fuchs\u2019 Bildern und ihre psychologische Tiefensch\u00e4rfe partizipiert genau an diesen Effekten. Eine kontrastreiche, ja vielfach grelle Palette wirkt hier als Verst\u00e4rker.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Den technischen Ausl\u00f6ser f\u00fcr seine Bildsprache, die reich an Br\u00fcchen und unaufgel\u00f6sten (Ver-)Spannungen ist, bildeten 2004 Serien von Collagen. Der K\u00fcnstler \u00fcberlagerte daf\u00fcr Zeichnungen mit Papierausrissen, konstruierte Bildarchitekturen aus farbigen Streifen, entwickelte das Motiv im Wortsinn und bleibt dieser Technik sp\u00e4ter auch in der Malerei treu. Themen des Bandagierens, des Aus- und Einwickelns von Figuren haben sich zweifellos aus diesen Schichtungen gebildet und die damit verbundene Ikonografie gleich mit.<\/p>\n<p>Die physische und psychische Intensit\u00e4t solcher Mumifikationen und Umklammerungen bewegt sich h\u00e4ufig an der Grenze des Ertr\u00e4glichen. Dabei wurzelt die Ausdruckskraft von Eckehard Fuchs\u2019 Figurenkonstellationen nur zum Teil in diesen strukturellen Eigenschaften. K\u00f6rpersprache, Mimik und Interaktionen zeugen zus\u00e4tzlich von Referenzen, die in der aktuellen Figuration eher selten geworden sind: die splitternde Holzschnitthaftigkeit des Expressionismus, gepaart mit der indiskreten Schonungslosigkeit des Versimus und bisweilen mit der Plakativit\u00e4t von politischmotiviertem Realismus. In dieser klaren Absage an oberfl\u00e4chenverliebten Duktus und an betont emotionslose Menschenbilder, von denen die gegenw\u00e4rtige Erfolgsgeschichte regionaler Malereischulen immer wieder erz\u00e4hlt, liegt eine pers\u00f6nliche Courage, die weit \u00fcber Stilwollen hinausgeht und von existenzieller Selbstergr\u00fcndung spricht.<\/p>\n<p>Ob in Gem\u00e4lden oder den Gouachen, immer wieder scheinen auch klassische Bildformeln auf, die Eckehard Fuchs bei alten Meistern systematisch \u201ceinsaugt\u201d. Piero della Francesca und Pietro Longhi hei\u00dfen seine Favoriten und tats\u00e4chlich gibt es hier zahlreiche Parallelen zu entdecken. Beide Italiener (obwohl durch knapp 300 Jahre getrennt) behandeln die menschliche Figur in einer ganz eigent\u00fcmlich nichtidealisierten Weise. W\u00e4hrend Pieros Protagonisten statuarisch und gedrungen wirken, wird Pietros Darstellern die Qualit\u00e4t \u201causgestopfter Marionetten\u201d und das \u201cAussehen der auf Sarkophage gemalten Mumienportr\u00e4ts\u201d attestiert (Roberto Longhi, Venezianische Malerei). Puppenhaftigkeit und kalkuliertes Missverst\u00e4ndnis der Proportionen bestimmen auch Eckehard Fuchs\u2019 intensive Bildb\u00fchnen: die Verweigerung handels\u00fcblicher Idealma\u00dfe ist Programm. Z\u00fcge und Motorik werden ins Groteske \u00fcberzeichnet und sollen, nach Absicht des K\u00fcnstlers, \u201crealer und glaubhafter wirken als eine Haut, an der alles abprallt.\u201d<\/p>\n<p>Das eher ungelenke, schroffe Auftreten der Figuren, ihre Erstarrung in gleichsam rituellen Handlungen und bedeutungsperspektivische Elemente verweisen auf noch \u00e4ltere Bezugsfelder als italienische Renaissance und 20. Jahrhundert. Eckehard Fuchs nennt hier gern die Inspiration durch romanische Bildwerke, auch gotische Einfl\u00fcsse liegen nah. Und wie dort, so verl\u00e4uft eine m\u00f6gliche Indentifikation der Betrachter nur \u00fcber die dargestellten Archetypen und Stereotypen. So viele Akteure auch auftreten und sich k\u00f6rperlich in Narrativ und Komposition verstricken &#8211; Portr\u00e4t\u00e4hnlichkeit wird verweigert. Konsequent klingt daher h\u00e4ufig das Thema von Masken und Maskierung an. Das Problem der Doppelidentit\u00e4t oder des Alter Ego kommt in diesem Kontext nicht als \u00dcberraschung: mehrere Versionen von Zwillingen, siamesisch verschmolzen, stehen daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Menschliche Prototypen werden physischen und psychischen Deklinations\u00fcbungen unterworfen, im Dienste einer auf Dauer angelegten \u201cComedie Humaine\u201d. (Susanne Altmann)<\/p>\n<p>Eckehard Fuchs (*1975), der heute in Dresden und Mailand lebt und arbeitet, studierte Kommunikationsdesign an der FH Darmstadt und von 1999 bis 2003 an der Hochschule f\u00fcr Bildende K\u00fcnste Dresden. Dort war er bis 2005 Meistersch\u00fcler bei Prof. Ralf Kerbach, dessen neueste Arbeiten (gemeinsam mit denen von Hans Scheib und Reinhard Stangl) die Galerie Eva Poll ab 19. M\u00e4rz unter dem Titel \u201ePollenflug\u201d zeigt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"template":"","class_list":["post-1601","ausstellung","type-ausstellung","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/poll-berlin.de\/Stiftung\/wp-json\/wp\/v2\/ausstellung\/1601","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/poll-berlin.de\/Stiftung\/wp-json\/wp\/v2\/ausstellung"}],"about":[{"href":"https:\/\/poll-berlin.de\/Stiftung\/wp-json\/wp\/v2\/types\/ausstellung"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/poll-berlin.de\/Stiftung\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/poll-berlin.de\/Stiftung\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1601"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}