Volker Stelzmann

Volker Stelzmann
Charlottenburger, 2013, Mischtechnik auf Nessel auf MDF, 80 x 100 cm

V. S. Leipzig – Berlin

28. Februar – 9. Mai 2015

„Stelzmann gehört zu den höchst seltenen Malern, die die zeitgenössische wie die biblische Historie beherrschen. Er ist den Physiognomien, der Gestik und Körpersprache von Zeitgenossen auf der Spur und vermag Szenen auf der Straße, in Kneipen, in häßlichen Bordellen und Männerbädern, in Passagen, in Aufzügen, U-Bahn-Schächten und Tunneln zu existentiellen Sinnbildern zu verdichten.“ (Eduard Beaucamp)

Jenen Bilderkosmos, den Eduard Beaucamp als Kunstkritiker der FAZ vor nunmehr fünfzehn Jahren beschrieb, hat der in Leipzig ausgebildete und seit dreißig Jahren in Berlin lebende und arbeitende Volker Stelzmann stetig weiterentwickelt. Zu seinem 75. Geburtstag zeigt die Galerie Poll in der Ausstellung „V.S. Leipzig – Berlin“ Bilder aus der Leipziger Schaffensphase und neue Arbeiten des in Dresden geborenen Malers. Er signiert mit dem Monogramm „V. S.“, seit 1988 erweitert um die rätselhafte Abkürzung „H. M. F. in Berlin“, deren Bedeutung Stelzmann nicht verrät.

Immer auf die Darstellung des Menschen konzentriert, bringt der Künstler in häufig mehrteiligen Figurenkompositionen extravagante Gestalten auf die Bühne des Großstadtlebens. Dicht gedrängt und dennoch beziehungslos zueinander, fliegen oder taumeln sie, aufgetakelt und in grellen Farben gekleidet, durch die hohen, oft sehr schmalen Räume der Bildtafeln.

In meisterhaft veristischer Malweise, oft überzeichnet und ins Groteske gesteigert, hat Stelzmann über Jahrzehnte eine Comédie humaine geschaffen. Oberflächlichkeit und Beziehungslosigkeit, Gewalt, Armut und Obdachlosigkeit sind die Themen von doppelsinnig betitelten Arbeiten wie „Anschlag“, „Unterführung“, „Tunnel“, „Passage“, „Zwei Schläfer“ oder „Stadtzelt“. Unter wechselnden Masken mischt sich der Künstler immer wieder selbst ins Geschehen ein. Seit den späten siebziger Jahren wählt Stelzmann für seine hintergründigen Parabeln und Sinnbilder auch christliche Motive wie Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung. Die klassischen Gattungen der Porträtkunst, besonders des Selbstbildnisses, und des Stilllebens versteht er für seine Allegorien zur Verfasstheit der Gesellschaft zu nutzen.

Stelzmann verbindet seine aus ungewöhnlichen Perspektiven gezeigten Figurenkonstellationen durch eine raffinierte Lichtführung und Komposition der Farben. Ihre ungewöhnliche Tiefenschärfe verdanken seine Gemälde einer virtuosen, zeitaufwendigen Lasurtechnik. Seine Vorbilder sind Grünewald und Otto Dix und vor allen die florentinischen Manieristen. Den Wahlverwandten Jacopo Pontormo, von dem kein eigenes Porträt überliefert ist, bedachte Stelzmann mit einem posthumen „Selbstbildnis“.

„In der DDR boykottierte Stelzmann die verlangten heilen Bildwelten, heute unterläuft er mit ernüchtertem Spott, aber auch bitterem Sarkasmus die verlogenen Verheißungen der Erlebnisgesellschaft.“ (Ingeborg Ruthe)

Volker Stelzmann studierte von 1963 bis 1968 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, wo er von 1975 bis 1986 lehrte, seit 1982 als Professor. 1986 nutzte Volker Stelzmann eine große Ausstellung seiner Arbeiten in der Staatlichen Kunsthalle in West-Berlin, um die DDR zu verlassen. Nach einer Gastprofessur an der Städelschule Frankfurt am Main 1987/1988 berief ihn die West-Berliner Hochschule der Künste (HdK, heute: UdK) 1988. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2006. 1988 zeigte die Galerie Poll auch ihre erste Einzelausstellung von Volker Stelzmann. Werke des Künstlers befinden sich in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen. 2014 erwarb der Evangelische Kirchenkreis Falkensee Stelzmanns zwölfteilige Arbeit „Die Berufenen“ von 1988, eines der Hauptwerke des Künstlers, für die Autobahnkirche Zeestow.

Kommentare sind geschlossen.