Um 1968. Berlin-Mailand-Paris

25 Positionen Malerei, Graphik, Skulptur

17. Mai – 31. Juli 2008

(Katalog)

Jahreszahlen sind Zufall und bleiben es, wie fortlaufende Nummern auf Kartoffelsäcken. Sie sagen nichts über den Inhalt aus, allenfalls etwas über das Alter. „68″ ist auch nach vierzig Jahren ein Reizwort geblieben in der politisch-gesellschaftlichen Debatte, kaum allerdings im Kunstdiskurs.

Kunstwerke sind phänomenal, historisch unwirksam, praktisch folgenlos. Das ist ihre Größe. Gottfried Benn, 1925

Ich sehe nicht ein, dass Malen und Denken einen unüberbrückbaren Gegensatz ergeben sollen. Jean Hélion, 1939

Es geht mir um die unmerklichen Verschiebungen zwischen der fotografierten Wirklichkeit und dem Gefühl der Irrealität dieser Wirklichkeit. Jacques Monory, 1969

Anlass für einen subjektiven Blick auf einige Kunst-Positionen jener Zeit. Die von der Galerie Eva Poll zusammen mit der Kunststiftung Poll in Berlin konzipierte Ausstellung will die unterschiedlichen Ansätze der Mitte der 60er Jahre in Paris und Berlin agierenden Künstler aufzeigen, deren direkter Zugriff auf die Realität damals wie heute für viele als ein Ärgernis empfunden wird – für Künstler damals wie heute eine überlebens- notwendige Reaktion.

Kunst hat ein Recht auf Gegner und ist, weil sie Kommunikation ist, immer auch eminent politisch. Gleichwohl waren die Künstler vor 40 Jahren nicht Vordenker einer Revolte, sie haben auch die Künste nicht neu erfunden. Aber – und das zeigt auch diese kleine Zusammenstellung – Kunst kann, mit Horst Bredekamp formuliert, weit nach außen wirken, wenn sie radikal bei sich bleibt und sich auch nicht abdrängen lässt weder in Kampfzonen noch in Freiräume.

In Paris waren es vornehmlich Künstler von außerhalb (wie Mailand, Madrid), die nach Stil und inhaltlicher Ausrichtung der Narrativen Figuration nahestanden (wie man in Frankreich, zunächst verharmlosend, den Kritischen Realismus bezeichnete); die Auseinandersetzung mit Marcel Duchamp begann hier, z.B. in der Gemeinschaftsarbeit Aillaud, Arroyo, Recalcati über Leben und Sterbenlassen oder: Das tragische Ende von Marcel Duchamp, als die gesellschaftlichen Spannungen zunahmen und das kulturelle Klima sich zusehends politisierte, dann aber einen gesellschaftskritischen Realismus auf der Grundlage von Pop Art und Fotografie entwickelten. Ähnlich in Berlin, hier aber sehr viel stärker orientiert am Realismus der Zwanziger Jahre (George Grosz oder Otto Dix), am Menschenbild in Trauer und Protest.

Gezeigt werden Arbeiten aus den Jahren 1966 bis 1972 von Gilles Aillaud, Eduardo Arroyo, Ulrich Baehr, Paolo Baratella, Vlassis Caniaris, Rafael Canogar, Equipo Crónica, Erro, Peter Klasen, Jacques Monory, Wolfgang Petrick, Peter Sorge, Wolf Vostell u.a.

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