Aktualität als Rohstoff

Ian Colverson, Denis Masi, Peter Sorge

13. September bis 10. November 2008

(Katalog)

Wie wirksam war oder ist politische Kunst? Eine seit vielen Jahrzehnten immer wieder diskutierte Frage, auch im Zusammenhang mit 1968. Dem versuchen wir uns – die Galerie Poll begeht in diesem Herbst ihr 40jähriges Arbeitsjubiläum – in diesem Jahr aus unterschiedlichen Blickwinkeln anzunähern (Um 1968 Berlin-Mailand-Paris oder Grosses Kino, kleines Kino (in der Galerie der Kunststiftung).

Mit der Entwicklung der Fotografie im 19. Jahrhundert wurde der Kunst, als bisher unersetzlichem illustrativem Dokumentationsmittel, die Monopolstellung genommen. Die Funktion des Künstlers und der Kunst im gesellschaftlichen Kontext wurde sichtbar – soll Kunst schlichtweg sich selbst genügen und einzig der ästhetischen Gestaltung dienen, oder sollte der Künstler vielmehr weiterhin als Augenzeuge seiner Zeit und kritischer Kommentator aktueller politischer und gesellschaftlicher Ereignisse agieren.

Die Ausstellung Aktualität als Rohstoff stellt sich dieser weiterhin aktuellen Diskussion. Den grafischen Arbeiten von Peter Sorge, Ian Colverson und Denis Masi liegen stets aktuelle Fotografien als Rohmaterial zugrunde. Während der kritische Realist Peter Sorge (1937 – 2000) aus dem vollen Spektrum der Printmedien schöpft, verarbeiten der Engländer Ian Colverson (*1940) und der Amerikaner Denis Masi (*1942) persönliche, mit der eigenen Kamera festgehaltene, Augenblicke.

Vorfabriziertes Reportermaterial aus der historischen oder aktuellen politischen Wirklichkeit – die zusammenhanglose Bilderflut unserer Tage wird nicht dem Zufall überlassen. Gebrauchte oder verbrauchte Bildmotive und deren Auswahl als Akt der Kritik. Das ist der Rohstoff für die Kunst von Peter Sorge, beginnend in seinem Frühwerk der 1960er und 1970er Jahre. Die einzelnen Szenen überlappen sich, wie in unserem Bewusstsein, das eine zusammenhanglose Bilderflut alle Tage zu verkraften hat. Sex und Gewalt bieten dabei die gängigen Attribute der medialen Scheinwelten. Sorge kritisiert und dokumentiert zugleich die Massenmedien und unser Verhalten hierzu, liefert „Denkanstöße” und mahnt zur Aufmerksamkeit. Wann immer Impuls und Inhalt der Zeit um 1968 und später behandelt werden, wird man um Peter Sorge, seine Zeichnungen, seine Grafik nicht herumkommen. Sorge war eine moralische Instanz, wie kaum einer seiner Zeitgenossen neben ihm.

Die wie Arbeitsentwürfe wirkenden Siebdrucke der Berlin Suite von Colverson und Masi sind das Resultat mehrerer Besuche dieser beiden Künstler im ehemaligen West-Berlin Anfang der 70erJahre. Die Arbeiten fixieren die verschiedenen Gesichter der Stadt mit dem suchenden Blick eines Durchreisenden, der neben den repräsentativen Monumenten einer Sightseeing-Tour das für den Einwohner Nebensächliche vorzieht. Die Aufmerksamkeit gilt Werbeplakaten, den Kritzeleien auf Häuserwänden und Berliner Hinterhöfen.

Aktualität als Rohstoff erlaubt dem Betrachter Einsicht in die individuelle künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ausgangsmaterial – aktuelle Fotografien – immer Transfer vom „Schnappschuss” zum Kunstwerk. Aktualität als Rohstoff zeigt: Das Foto allein genügt nicht, „Kunst” allein genügt auch nicht. Es bedarf des Zusammenspiels beider, ehe eine Ebene erreicht wird, auf der mehr sichtbar wird als fotografischer Zufall und künstlerischer Geschmack (Heinz Ohff, 1971). Ermöglicht wird ein Blick durch die kritischen Augen der Künstler in erlebte Aktualität ihrer Zeit.

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