Walter Gramatté

Ein Berliner Spätexpressionist

7. April – 27. Mai 2006

Nur einem kleinen Kreis Kunstinteressierter ist das Werk Walter Gramattés (1897 – 1929) bekannt. Die Lebens- und Arbeitszeit des früh gereiften Künstlers war kurz bemessen. Der zur zweiten Expressionisten-Generation zählende Maler und Graphiker hat dennoch ein umfangreiches und dichtes Oeuvre geschaffen.

1897 in Berlin geboren, findet die Kindheit mit der Meldung als Kriegsfreiwilliger 1914 ein abruptes Ende. Ein Jahr später beginnt Gramatté – gesundheitlich geschwächt und vorzeitig aus dem Kriegsdienst entlassen – sein Kunststudium an der Königlichen Kunstschule des Kunstgewerbemuseums. 1918 wird er Hilfslehrer am Kaiser-Friedrich-Realgymnasium in Berlin und nimmt seine durch den Krieg unterbrochene Ausstellungstätigkeit wieder auf.

Gramatté heiratet die russische Komponistin und Pianistin Sophie-Carmen Fridman. Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff werden seine Freunde. Das Brücke-Umfeld bestimmt ihn auch künstlerisch. Seine Nähe zu dieser Künstlergruppe und die gleichzeitige Unabhängigkeit von ihr und den klassischen Expressionisten bleiben charakteristisch für sein Werk. In zahlreichen Bildmotiven greift er die psychischen und physischen Verletzungen einer ganzen Generation, seine Kriegserlebnisse während des ersten Weltkrieges und seine eigene Krankheit in intensiver Bildsprache auf. Mit der Unerbittlichkeit der Jugend treibt er seine Erfahrung von Gefährdung, Wahnsinn und Tod zu rückhaltlosem Ausdruck.

Düster und fast farblos zeigt sich Gramattés Frühwerk. Es entstehen hauptsächlich Kaltnadelradierungen, die nach eigener Beschreibung für ihn eine Möglichkeit zur Entladung seiner ungeheuren seelischen Spannung bedeuten. Fast singuläres Thema des graphischen Schaffens ist das Portrait. In seinen Selbstbildnissen spiegelt sich die marternde Erforschung der eigenen Person und deren Ausdruck – ein Sinnbild ständiger Suche. Die Lithographie-Serie “Selbstbildnis mit Häusern”, 1923, (jetzt in der Kunststiftung Poll zum ersten Mal vollständig mit allen 21 Blättern präsentiert), zeigt diese Suche in all ihrer Konsequenz und künstlerischen Ausdruckskraft. Immer wieder läßt sich der Künstler auch von anderen Kunstformen beeinflussen. Die Musik seiner Frau bringt mehr Farbe in die Arbeiten und führt ihn später zum Aquarell. Literatur inspiriert ihn. Gramatté schafft mit den Radierfolgen “Lenz”, 1924, und “Wozzeck”, 1925, beeindruckend neuartige Illustrationen der schon so oft aufgegriffenen literarischen Vorlagen. Besonders die Arbeit an “Lenz” ist für ihn leidvolle Selbstbefragung: “Schmerzen überall, nicht laufen, sitzen, liegen. … So ist mir wie ‘Lenz’ immer manchmal hell und dann immer tiefer und dunkler.” (Brief vom 1. Juni 1924 an den Sammler Walther Merck). Sein sich fortwährend verschlechternder Gesundheitszustand zwingt den Künstler dazu, nach und nach die Graphik aufzugeben.

Krankheit und Wohnungsnot zwingen Gramatté und seine Frau 1924 zur Übersiedlung nach Spanien. Dort wendet sich der Künstler verstärkt dem Aquarell zu. Der Süden bringt eine Aufhellung vormals dunkler Farben. Sein bevorzugtes Sujet wird die Landschaft, wohl auch in der Hoffnung auf Befreiung von Schwere, Tiefe und Leiden. 1926 Rückkehr nach Deutschland.

Immer wieder muß sich Gramatté in Kliniken behandeln lassen. Sein künstlerisches Schaffen tritt in den Hintergrund, aber er erreicht mit Einzel- und Gruppenausstellungen erfolgreich ein größeres Publikum.

Am 9. Februar 1929 stirbt Walter Gramatté, erst zweiunddreißigjährig, in einer Hamburger Privatklinik an Darmtuberkulose. Karl Schmidt-Rottluff entwirft den Grabstein seiner letzten Ruhestätte in Berlin-Wilhelmshagen.

Das Werk des Spätexpressionisten Gramatté gerät nach einer Gedächtnisausstellung 1932 zunächst in Vergessenheit. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: das tausendjährige Reich und das fehlende Gedächtnis danach, aber auch eine durch den frühen Tod bedingte kurze Schaffensperiode.

Erich Heckel drückt darüber in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts seine Verwunderung aus. Er hält Gramatté für einen der wenigen legitimen Nachfolger der Brücke. So gehören neben Heckel auch Schmidt-Rottluff, der von Gramattés Witwe zum Nachlaßverwalter bestimmt worden ist, zu den Initiatoren der letzten großen Ausstellung des Künstlers in Berlin (1968 im neu gegründeten Brücke-Museum), auf die 1982 eine Präsentation von Selbstportraits des Künstlers folgt.

Die Galerie Poll will mit ihrer Ausstellung – fast fünfundzwanzig Jahre danach – den Berliner Gramatté seiner Stadt wieder ein Stück näher bringen.

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