Justus Bräutigam, Unerkannt b, 2017
Susanne Keichel, Fluchtlinien, Sammelunterkunft,
ehemaliges Hotel Leonardo, Freital 2015

2 x 2
zwei Doppelausstellungen mit vier Positionen junger Kunst

Teil I
Justus Bräutigam Malerei
Susanne Keichel Fotografie

 

3. März – 14. April 2018
Eröffnung: Freitag, 2. März 2018, 18-21 Uhr

Vier junge Künstler, zwei Maler und zwei Fotografen, stellt die Galerie Poll in zwei aufeinander folgenden Doppelausstellungen erstmals umfassend in Berlin vor. Den Auftakt machen vom 3. März bis 14. April 2018 Justus Bräutigam mit Gemälden und Susanne Keichel mit Fotografien. Im zweiten Teil zeigen vom 21. April bis 2. Juni 2018 der Maler Johannes Daniel und der Fotograf Daniel Poller neue Arbeiten.

Justus Bräutigam konzentriert sich auf das kleine Format. Menschengesichter oder Gebirgsland­schaften malt er mit Ölfarbe im Hoch- bzw. Querformat auf nur 50 x 40 cm Leinwand. In der Ausstellung sind exemplarisch seine Porträtstudien zu sehen.

„Aus seiner unmittelbaren, intensiven und ernsthaften Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Malerei entwickelt Bräutigam eine Bildwelt, die ihre authentische Qualität jenseits von zeitgenössischen Moden und Kunstdiskursen entfaltet“, begründete die Jury 2017 den Förderpreis der Sparkasse Schwarzwald-Baar an Bräutigam. Was für die aus der Erinnerung gemalten Landschaften gilt, das erprobt der Künstler ebenfalls mit dem Sujet des menschlichen Gesichts: Er trägt die Ölfarbe mal fein lasierend mit dem Pinsel, mal pastos mit dem Spachtel auf oder wischt sie mit dem Schwamm über die Leinwand. Mit Ausnahme einiger Selbstbildnisse handelt es sich bei Bräutigams Köpfen weniger um Porträts als um Kopfstudien. Mal ist ein Gesicht mit Augen, Nase, Mund vollständig zu sehen, mal schauen nur die Augen durch eine Maske oder aber ein Gesicht ist inmitten von  Farbstrudeln kaum noch zu erkennen. Durch das standardisierte Format und den sehr überlegt gewählten Bildausschnitt mit Kopf, Hals, Schulteranschnitt ergeben sich  Reihungen, man könnte an eine Art Typisierung denken. Tatsächlich aber ist über das scheinbar einheitliche Sujet hinaus die Malerei selbst das Thema: Prima vista ähneln Köpfe und Gesichter einander – damit lenkt Bräutigam den Blick auf die Unterschiede in Form und Farbe.

Susanne Keichel arbeitet ebenfalls in Reihen. Der Mensch steht im Zentrum, auch wenn er auf ihren kleinformatigen Fotografien nicht immer zu sehen ist. Mit der Langzeitstudie Garten versucht die Künstlerin seit 2007 die verborgenen sozialen und mentalen Dimensionen der  Porträtfotografie ins Bild zu setzen.

Ihre aus 25 Schwarz-Weiß-Fotografien bestehende Arbeit *7. Oktober 1977, Alexandria, † 1. Juli 2009, Dresden (ein Kommentar), 2010-2015 versucht eine dokumentarische Annäherung an die Ermordung von Marwa El-Sherbini am 1. Juli 2009 im Dresdner Landgericht. Die intensive Auseinandersetzung mit dieser fremdenfeindlich motivierten Tat und der Fremden­feindlich­keit vieler Menschen in ihrer Geburtsstadt mündeten 2015 in der Reihe Fluchtlinien, mit der Susanne Keichel die pauschal als „Flüchtlingskrise“ apostrophierte Migration in ihren indivi­duellen, humanen Dimensionen kenntlich macht. Flüchtlingsheime, Demonstrationen, Hausfassaden, Gerichtssäle und Fahnen sind auf den  hochformatigen Fotografien nur in Anschnitten zu sehen. Durch die unkonventionelle Gestaltung eigentlich banaler Bildgegenstände stellt Susanne Keichel die Objektivität der Fotografie infrage, ohne auf die Überzeugungskraft der nüchtern sachlichen Dokumentation zu verzichten.

Dadurch schwingt im Hintergrund, eher nachhaltig denn plakativ, eine politische Aussage mit, die der Kunsthistoriker Andreas Prinzing charakterisiert:  „Dabei orientiert sich ihre Bildfolge weder an dem linearen Charakter einer Reportage, noch legt Keichel einen streng enzyklopädischen Bildkatalog an. Stattdessen operiert sie mit einer Reihung von Gegen­warts­fragmenten, die zwar konkrete Orte bezeichnen, aber auch exemplarisch für eine gesellschaftliche Atmosphäre und Stimmung in Deutschland stehen können.“

In den Fluchtlinien spart die Fotografin die Gesichter der Geflüchteten bewusst aus. An die Stelle des konventionellen Porträts tritt in der gleichwertigen Reihung der Bilder das  wiederkehrende Motiv der Hand, die vor neutralem Hintergrund ein Smartphone in die Kamera hält. Auf dem Display sind persönliche Aufnahmen, individuelle Momente der Flucht zu erkennen. So entstehen „indirekte Porträts“ (Andreas Prinzing). Zugleich bewahrt die Fotografin den Geflüchteten durch diese Herangehensweise der distanzierten Nähe einen Schutzraum.

Justus Bräutigam, geboren 1984 in Dresden, schloss sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden 2017 als Meisterschüler von Prof. Peter Bömmels ab. Der Maler ist mit mehreren Kunstpreisen ausgezeichnet worden, darunter der Förderpreis der Sparkasse Schwarzwald-Baar (2017) und der Robert-Sterl-Preis (2017), der mit einer Einzelausstellung im Robert-Sterl-Haus in Struppen (Sächsische Schweiz) verbunden war. Justus Bräutigam lebt und arbeitet in Dresden.

Susanne Keichel, geboren 1981 in Dresden, schloss ihr Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 2016 als Meisterschülerin von Prof. Tina Bara ab. Ihre Arbeit *7. Oktober 1977, Alexandria, † 1. Juli 2009, Dresden (ein Kommentar) wurde 2015 von der Kulturstiftung des Frei­staa­tes Sachsen für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden angekauft. Auf der 56. Biennale in Vene­dig war im selben Jahr ihre Arbeit Fluchtlinien (work in progress) in der Gruppenausstellung Dispossession im offiziellen Rahmenprogramm zu sehen (Katalog). 2017 wurde diese Arbeit im Rahmen des Kooperationsprojektes Rundgang 50Hertz des Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz mit der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin zusammen mit drei weiteren Künstlerinnen ausgezeichnet und ausgestellt (Einzelkatalog). Susanne Keichel lebt und arbeitet in Dresden.

Faltblatt zur Ausstellung (Pdf-Datei)

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