Capitol, Gloria, Schauburg

Capitol, Gloria, Schauburg
Lichtblick Kino, Berlin, 2013, C-Print, 30 × 42 cm

Kino-Fotografien von Richard Thieler

13. Januar – 24. Februar 2018

Capitol, Gloria oder Schauburg – das sind immer noch verheißungsvolle Schlüsselwörter einer längst vergangenen Filmgeschichte. Lichtspiele, Filmtheater oder Filmpaläste waren mit der Erfindung des Tonfilms um 1930 entstanden: Das Kino verlangte nach eigenständiger Architektur, aber die Namen verraten, daß die Bauweise jener Jahre in der Tradition von Theatergebäuden und Tanzpalästen stand.

Die repräsentativen Fassaden der Lichtspieltheater sollten mit Leuchtschrift das neue Medium aufwerten, das Publikum verfiel dem Lichtzauber. Doch diese Erfolgsstory endete im Wirtschafts­wunder. Mit dem Aufkommen des Fernsehens in den 1950er Jahren wurden neue, eigenständige Kinobauten seltener. Die Branche reagierte in den 1980er Jahren mit der Konzentration mehrerer Säle in gleichförmigen Multiplex-Kinos, zumeist eingegliedert in Shopping Malls. Alte, große Kino-Solitäre verödeten, Pracht und Glamour einer ganzen Epoche verfielen.

Diese Veränderungen der Kinolandschaft beobachtet Richard Thieler (*1963 in Berlin) seit Jahren. Seine fotografische Dokumentation hat er 2009 begonnen. Mit Blick auf den besonderen Charakter jedes einzelnen Lichtspielhauses und durch sein Gespür für den jeweiligen Ort verdeutlicht Thieler die tiefgreifenden Auswirkungen des kulturellen Umbruchs. Aus seinen mittlerweile über 500 Fotografien von Kinos weltweit zeigt die Galerie Poll jetzt eine Auswahl von rund 45 Aufnahmen von Lichtspielhäusern mit Schwerpunkt Berlin, den neuen Bundesländern und Polen.

Thieler nähert sich den Kinos meist in der Frontalansicht, aber seine ausdifferenzierten Farbaufnahmen lassen neben der äußeren Hülle weitere Schichten eines scheinbar geläufigen Phänomens erkennen. Seine durch sorgfältige Recherchen vorbereiteten Reisen bringen den Fotografen  auf die Spuren einer kultursoziologischen und bauhistorischen Archäologie: So steht das Gloria in Weißenfels (Sachsen-Anhalt), 1928 von Carl Fugmann als Lichtspielhaus in moderner Eisenkonstruktionsbauweise errichtet, seit 1998 leer. Baulich nur notdürftig gesichert, verfällt es – ein Symbol für den Niedergang nicht nur des Kinos. Dagegen erinnert die Nachtaufnahme der Fassade der Kinoteka Warschau im repräsentativen Kulturpalast der polnischen Hauptstadt daran, daß Kinos nicht nur der Unterhaltung und Zerstreuung dienten, sondern auch öffentlicher Raum für ein großes Publikum waren. Diesen von den Multiplexen vernachlässigten und verdrängten Aspekt greift eine rege Alternativ-Szene wieder auf, die etwa das Lichtblick-Kino als eines der kleinsten Häuser der Stadt in einer früheren Fleischerei in Berlin-Prenzlauer Berg mit 32 Sitzplätzen für die Kinolandschaft erobert hat.

Und so weist Thielers Blick in die Vergangenheit hin und wieder in eine verheißungsvolle Zukunft: Die Fotografie des ehemaligen Stummfilmkinos Delphi in Berlin-Weißensee lässt noch nicht erahnen, dass das 1929 eröffnete und lange geschlossene Lichtspielhaus 2018 eine Zukunft als Ver­anstal­tungs­­ort für Tanz, Konzerte und Schauspiele haben würde.

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