Bernard Larsson

Bernard Larsson
Vor der Mauer, Gartenstraße, Ost-Berlin 1962, 1962, Silbergelatineabzug auf Barytpapier, Vintage-Print

Berlin 1961-1968. Vintage Prints

3. Dezember 2016 – 4. Februar 2017
(im Schaulager der Galerie Poll)

In Paris arbeitet Bernard Larsson als Assistent im Studio von William Klein, als er im August 1961 vom Bau der Mauer hört. Der 22-jährige Fotograf, geboren 1939 in Hamburg, auf­gewachsen in Schweden und Deutschland, reist sofort nach Berlin und bleibt dort, mit zwei Jahren Unterbrechung, die er in Hamburg verbringt, bis 1968.

Die geteilte Stadt ist voller Warnschilder. „Leaving“ oder „Entering“ etwa, immer viersprachig: Vorsicht, Sie verlassen, betreten, den britischen, französischen, sowjetischen oder den amerikanischen Sektor. Straßenbarrieren, vermauerte Fenster und Grenzpolizisten auf erhöh­ten Beobachtungsplattformen prägen das Stadtbild.

Bernard Larsson passiert unbefangen, beobachtend und mit seinem schwedischen Pass auch unbehelligt alle Sektorengrenzen. In einer Art von fotografischem Tagebuch hält er mit der Kamera fest, was er bei seinen Streifzügen durch Berlin beobachten kann. Meist ist er ohne Auftrag unterwegs, von 1966 bis 1968 dokumentiert er neben seiner Tätigkeit für den Stern Demonstrationen und Protestaktionen der rebellierenden Studenten.

Larssons Fotografien folgen – im Zentrum des Kalten Kriegs – keinem politisch verordneten Wahrnehmungs­muster. Im Trubel von Protestparolen und BILD-Schlagzeilen, konfrontiert mit kruder DDR-Propaganda entwickelt der junge Fotograf sein Gespür für Zwischentöne. Er versteht, die Schrift in der Stadt zu lesen, zwischen den Zeilen, nicht nur Parolen wie „Wer die DDR angreift, wird vernichtet“ am östlichen Spreeufer. „Der fotografierende Grenzgänger bleibt als Querseher ein Querdenker“, konstatiert Christoph Vitali im Katalogbuch „Berlin. Hauptstadt der Republik. 1961-1968“, das 1998 anlässlich der Ausstellung von Bernard Larsson im Münchener Haus der Kunst erscheint.

Mit den Schwarz-Weiß-Fotografien nähert sich Larsson vor allem den Menschen, erkundet ihren Alltag in der Mauerstadt: Eine Familie auf dem S-Bahnhof Alexanderplatz, die Warteschlange in der Fleischerei, ein Sonntagnachmittag mit Kinderwagen und Mercedes-Limousine in Kreuzberg. Eine Dampframme auf der Baustelle des Außenministeriums der DDR Unter den Linden hält Larsson ebenso fest wie eine Erste Mai-Demonstration mit Fah­nen­schwenkern.

Auch den damals bekannten Größen aus Kultur und Politik begegnet der Fotograf: Günter Grass, Helene Weigel und Wolf Biermann oder Willy Brand. Neben einem Porträt des Bundeskanzlers Konrad Adenauer zeigt die Ausstellung in der Galerie Poll Larssons Aufnahme des emigrierten Filmregisseurs Fritz Lang bei einem Berlin-Besuch. Dem französischen Schriftsteller Jean Giono, der polnischen Filmlegende Andrzej Wajda oder dem amerika­nischen Pop-Art-Künstler Andy Warhol und dem Rockmusiker Jimi Hendrix sind weitere Por­trät­studien gewidmet. Auch Ossip Zadkine hat Larsson porträtiert, einige Radie­rungen des Bildhauers sind zeitgleich in der Kunststiftung Poll zu sehen.

Gerhard Ullmann, Architekturfotograf und Kritiker, schreibt über die Bilder seines Freundes: „In Bernard Larssons Fotos bemerkt man noch immer die Unbeschwertheit und Freude des jähen Entdeckens; es sind Dokumente eines sensibilisierten, politisch aufmerksamen Zeit­genossen, der – skeptisch gegenüber Parolen und weltvereinnahmenden Ideologien – die poli­tische Entwicklung Deutschlands nicht nur an seinen Institutionen, sondern auch auf den Straßen und Plätzen Berlins verfolgt. […] Seine Bilder besitzen jene Tiefendimension, die geschichtliche Zusammenhänge erschließt.“

Am 2. Juni 1967 fotografiert Bernard Larsson nach einer Demonstration den Studenten Benno Ohnesorg, der von einem Polizisten in Zivil aus direkter Nähe von hinten erschossen wird. Die Aufnahme, heute ein Schlüsselbild der 68er-Jahre, ist Teil der in der Ausstellung gezeigten Fotoserie zur Berliner Anti-Schah-Demonstration.

Einem größeren Publikum sind die Fotografien von Bernard Larsson durch die Ausstellung „Leaving is Entering. Fotografien 1961-1968“ im Museum für Fotografie der Staatlichen Museen zu Berlin (noch bis 8. Januar 2017) bekannt geworden. Darüber schreibt Andreas Kilb in der FAZ: „Man kann solche Bilder nicht erfinden. Man muss sie finden. Bernhard Larsson hat sie gefunden, damals in Berlin, in der traurigsten und aufregendsten Stadt der Welt.“

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